„Reich ist, wem es reicht“. Dieser Satz drückt für mich eine tiefe Weisheit aus:

Reichtum offenbart sich nicht im Anhäufen von Geld und Besitztümern. Er offenbart sich darin, dass ich nicht mehr brauche, um mich reich zu fühlen.

Dann umfasst Reichtum auf einmal weit mehr als den Besitz materieller Güter: Dann wird er zu innerer Freiheit und innerem Frieden.

 

Nichtanhaftung ist etwas anderes als Entsagung

Dabei meine ich mit „Nicht-mehr-brauchen“ keineswegs, dass es eine Tugend wäre, allen irdischen Gütern zu entsagen und nichts mehr zu besitzen!

Das ist ein häufiges Missverständnis, auf das Ralph Skuban in der Einleitung zu seiner Version des alten indischen Weisheitsbuches „Bhagavad Gita“ (1) wie folgt eingeht:

„Allzu oft wird leider in der Übertragung indischer Texte in unsere Sprache die so wichtige Idee der Nichtanhaftung, Vairagya, als »Entsagung« gedeutet, was die eigentliche Botschaft völlig verkehrt. Vairagya, das Loslassen, meint viel mehr eine innere Haltung als eine äußere Handlung: Wenn wir den Dingen im Leben begegnen können und sie annehmen lernen, ohne uns gänzlich vom Wollen und Nichtwollen dominieren zu lassen, dann führt dies zu gelebter innerer Freiheit. Ein Reicher, der nicht dauernd fürchtet zu verlieren, was er besitzt, hat mehr Vairagya als ein Bettler, der sich täglich um das Grundlegendste sorgt und so im Materiellen feststeckt. (…)

 

Die mentale Anhaftung an Materielles darf gehen

Dass mir Skubans Version der „Bhagavad Gita“ in diesen Tagen in die Hände gefallen ist, erscheint einmal mehr orchestriert. Denn dieses Loslassen – oder das „Vairagya“, wie ich gelernt habe – beschäftigt mich seit längerem.

Auf der rein materiellen Ebene gelingt mir dieser Prozess mittlerweile gut: Ich kann mühelos Dinge gehen lassen und entrümpeln. Und kaum etwas ermüdet mich mehr als das „Shopping“ in den Läden der Grossstadt, von einem Kleiderladen zum nächsten. Obwohl ich Schönes sehr gerne mag, lassen mich prall gefüllte Regale und Markenartikel kalt.

Auch das mentale Loslassen von Materiellem bewegt sich in meiner Wahrnehmung auf einem gesunden Niveau: Ich erfreue mich sehr wohl daran, wenn Geld auf mein Konto fliesst. Doch ich verschwende keinen Gedanken daran, was ich wohl noch alles unternehmen könnte oder müsste, damit sich dieses Geld vermehrt. Ich weiss: Dafür erhalte ich die nötigen Impulse zur richtigen Zeit.

 

In Erfolg wie Misserfolg „im Yoga bleiben“

Umgekehrt jedoch – wenn das Geld weniger statt mehr wird – bin ich erst seit kurzem wieder in der Lage, die Sorgen abzuschütteln und zweifelsfrei zu wissen, dass zu mir geschaut wird.

Dieses Wissen vertiefte sich in den letzten Monaten, als ich auf eine doch recht harte Prüfung gestellt wurde: in einer Phase, in der mein Geld tatsächlich fast zur Neige ging, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich habe viel gelernt dabei, mich in dieser Zeit – im Wechselbad zwischen Angst und Alle-Gedanken-beiseite-wischen – selbst zu beobachten; bis sich meine Befindlichkeit irgendwo in der Mitte einpendelte.

Auf dies geht Krishna in besagter „Bhagavad Gita“ ein, indem er zu Arjuna sagt:

Beziehe deine Motivation nicht aus den Früchten deiner Arbeit und lasse dich auch nicht zur Untätigkeit verleiten. Handle, doch bleibe unerschütterlich in Yoga, Arjuna, das bedeutet: Löse dich von allen Anhaftungen und bleibe gelassen im Erfolg wie im Misserfolg. Diese ausgeglichene Geisteshaltung heißt Yoga. Eine Arbeit, die man bloß im Blick auf Resultate verrichtet, ist weit schlechter als eine, die man im Bewusstsein von Yoga tut. Halte dich an diese Weisheit. Armselig sind jene, die gierig auf die Früchte ihrer Arbeit sind.

 

Anspruchsvoll: Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft ablegen

Dann ist da noch die Ebene des immateriellen Loslassens, die ich gleichsetze mit dem inneren Wissen, dass alles immer gut ist, wie es gerade ist – alles also seinen Sinn hat und zu meinem höchsten Wohl geschieht.

Während ich dieses Gefühl in der Gegenwart – selbst in schwierigen Augenblicken – über weite Strecken verinnerlicht habe, fällt es mir noch schwer, Hoffnungen, Bilder und Vorstellungen in Bezug auf die Zukunft gänzlich abzulegen.

Im regen Austausch mit meiner Freundin Nadja spiegeln wir uns jeweils gegenseitig, wie sehr es uns gelingt, uns nur noch vom aktuellen Moment und unserer aktuellen Befindlichkeit leiten zu lassen – ohne von heute auf morgen zu schliessen oder Zukunftsträume unseren Tag bestimmen zu lassen.

 

Wunschlos glücklich?

In der Lektüre der „Bhagavad Gita“ ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass dies einem Ablegen von Wünschen gleichkommt.

In der als „Beschreibung des Weisen“ berühmt gewordenen Antwort von Krishna an Arjuna sagt er diesem:

Wer alle persönlichen Wünsche losgelassen hat und vollkommen zufrieden in der Wirklichkeit seiner Essenz ruht, den nennt man vollkommen weise. Wer sich von Sorgen nicht erschüttern lässt und nicht dauerndes Vergnügen sucht, wer frei ist von Leidenschaften, Angst und Ärger: So einen nennt man vollkommen weise. (…)

Und an späterer Stelle:

(…) wer bloß seinen Wünschen nachläuft, wird wirklichen Frieden nicht erleben. Erst wer sich nach nichts mehr sehnt, wer frei ist von allen Wünschen und keinen Sinn mehr hat für Ich und Mein, der erfährt inneren Frieden.

 

Und was ist mit dem Manifestieren?

Für mich ist das geradezu revolutionär, und auch etwas irritierend.

Wünsche und Ziele aufgeben – ist es das, was mit „wunschlos glücklich“ gemeint ist? Was ist dann mit dem bewussten Manifestieren von Dingen und Ereignissen? Dazu braucht es doch diese Gedanken und Gefühle in Bezug auf etwas, was noch nicht da ist…?

Und, ganz pragmatisch: Wozu dann noch mein Kurs „Wie du sprichst, um Ziele und Wünsche zu manifestieren“? Ich empfinde die Inhalte darin als höchst stimmig – energetisch geprüft sind sie auch! Oder sind sie am Ende doch überflüssig?

Denn es stimmt ja: Je mehr Wünsche wir haben, desto mehr kommt dies einer Unzufriedenheit mit dem Jetzt gleich. Denn jeder Wunsch bedeutet: So, wie es jetzt ist, ist es noch nicht gut genug.

 

Aus der Gelassenheit heraus das tun, was es JETZT zu tun gibt

Die Auflösung dieses Widerspruchs liegt für mich einmal mehr im Sowohl-als-auch statt im Entweder-oder:

Ich darf mir durchaus gewahr werden, was mir im Jetzt fehlt – wo Dinge noch nicht im Lot sind. Ich darf ehrlich mit mir selbst sein und mir eingestehen, was gerade noch nicht passt. Ich darf wissen und erkennen, was meine Bestimmung – mein „Dharma“ ist -, und in welchen Teilen ich davon noch entfernt bin.

Gleichzeitig darf ich mich – auch hier – von der mentalen Anhaftung an das lösen, was da noch fehlt, nicht passt oder noch nicht in mein Leben getreten ist. Sprich: Ich darf getrost aufhören, mir ständig Gedanken darüber zu machen, was wann und wie zu mir kommen wird. Stattdessen darf ich mit Warten und Wünschen aufhören, ins Vertrauen kommen und aus der Gelassenheit des Jetzt heraus tun, was es zu tun gibt.

In diesem Zustand reicht mir, was (und wieviel) ich HABE – und auch, was (und wo) ich BIN.

Und dann bin ich reich!

 

(1) Die Bhagavad Gita: Das Weisheitsbuch fürs 21. Jahrhundert – Übertragen und kommentiert von Ralph Skuban – Veröffentlichung 2013 (9. Auflage) – München: dtv

Die ›Bhagavad Gita‹, übersetzt »Gottes Gesang«, ist ein spirituelles Lehrgespräch am Vorabend eines verheerenden Krieges. In der wohl krisenhaftesten Situation seines Lebens sucht der Krieger Arjuna Rat bei seinem Lehrer Krishna und erhält so Antworten auf zahlreiche Seinsfragen, die die Menschheit seit jeher bewegen: Wie kann es gelingen, angesichts all der Widrigkeiten und Zwänge der Welt ein gutes, glückliches Leben zu führen? Wie können wir in unserem Alltag bestehen, ohne »unter die Räder« zu kommen, und uns gleichzeitig moralisch richtig verhalten? Ein hochmodernes, psychologisches und spirituelles Lehrstück über unsere Verirrungen und Verwirrungen und über die Möglichkeit, unseren Geist zu einer Klarheit zu führen, in der unsere spirituelle Essenz aufscheinen kann. (Beschrieb Amazon)

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