April 27, 2026

In meinem familiären Umfeld habe ich letzte Woche vom Entscheid eines nahen Menschen erfahren, den ich vom Gefühl her als unrecht empfinde.

Da ich gleichzeitig weiss, dass auf der Seelenebene alles immer richtig ist und uns nur erfahren und erkennen lässt, habe ich dies für mich mittlerweile aussortiert und eingeordnet. Sobald wir etwas loslassen können, geht auch der Schmerz.

Auf der sprachlichen Ebene hat mich das Ereignis dazu veranlasst, das Wort „Verrat“ näher zu betrachten. Und da bin ich wieder auf interessante Zusammenhänge gestossen:

 
„Ver-“ verdreht

Zunächst beinhaltet der „Verrat“ die Vorsilbe „ver-“. Diese hat es in sich und ist mit Vorsicht zu benutzen. Unter anderem ver-dreht sie das nachfolgende Wort und gibt diesem eine ganz andere Bedeutung. Ich habe dazu vor einigen Monaten einen Blog geschrieben.

Beim „Verrat“ geht die Vorsilbe dem Wort „raten“ voraus. Schauen wir uns also dieses Wort an:

In Bezug auf andere bedeutet „raten“ (etwas) ‚empfehlen‘ oder (jemanden) ‚beraten‘. In Bezug auf mich selbst bedeutet es ‚durch Überlegen das Richtige herauszufinden suchen‘.

Wenn ich nun „ver-rate“ statt „rate“, ver-drehe ich diese Bedeutung ins Gegenteil. Das heisst: Ich habe jemand anderes nicht zu seinem Wohl beraten. Oder: Ich habe wohl überlegt, es ist mir jedoch nicht gelungen, das Richtige herauszufinden – ich bin zu einem falschen Entschluss gekommen.


Raten kommt von „zusammenfügen, passen“

„Raten“ entspringt offenbar der indoeuropäischen Wurzel *ar(ə)-, die für ’zusammenfügen, passen’ steht. Der „Arm“ entstammt ebenfalls dieser Wurzel. (Ob es ein Zufall ist, dass ich meinem rechten Arm zurzeit kaum hochheben kann?)

Auch „erraten“ ist eine Form des Wortes. Das altenglische rǣdan für ‘raten, lesen’ bedeutete ursprünglich ‘Runen deuten’. Der Rat ist also auch mit der Rune verwandt.

In Bezug auf den Ver-rat lässt sich dieser folglich auch so deuten, dass die „Runen falsch gelesen“ wurden. Was uns wieder dazu bringt, dass aus richtig falsch – oder eben ein „Un-recht“ wurde.


Mit einem Verrat verrate ich mich selbst

Nicht nur „raten“, auch „verraten“ hat sowohl eine transitive als auch eine intransitive Bedeutung.

Will heissen: Ich kann jemand anderen verraten, und gleichzeitig kann ich mich selbst verraten, im Sinne von: Mein wahres Gesicht zeigen, obwohl ich dieses zu verstecken suchte.

Durch den Verrat also verrät sich ein Mensch auch selber. Er offenbart sein wahres Wesen, er lässt seine wahren Beweggründe erkennen.

Damit erschliesst sich für mich der Sinn eines Verrats – und gleichzeitig schliesst sich der Kreis.

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