Plädoyer für eine von Dogmen und Programmen befreite – und grammatikalisch korrekte – Umsetzung einer „gendergerechten Sprache“
Dieser Blog ist überfällig. Seit Monaten trage ich das Vorhaben mit mir herum, einen Beitrag zum Thema „Gendern“ zu schreiben.
Kaum ein Thema wird so emotionsgeladen diskutiert wie dieses. Auf kaum ein Thema werde ich von Kunden (und selbstverständlich auch Kundinnen) so oft angesprochen wie dieses. Und kein Thema bringt derart absurde Sprachblüten hervor wie dieses.
Gendersternchen und Präsenspartizipien auf Biegen und Brechen
In fast jedem Satz finden sich heutzutage Genderdoppelpunkte (Lehrer:innen) und Gendersternchen (Professor*innen). Die Zeichen mitten im Wort werden zuweilen sogar im Radio mit einer deutlich hörbaren Pause an der entsprechenden Stelle artikuliert.
Ebenso ist es gang und gäbe geworden, ein substantiviertes Präsenspartizip („Lernende“, „Teilnehmende“, „Mitarbeitende“ etc.) anstelle der a) rein männlichen Bezeichnung oder b) der Erwähnung der männlichen und weiblichen Form zu verwenden.
Dass dieses Präsenspartizip in vielen Fällen schlicht falsch ist, kommt auf diesem Bild zum Ausdruck, das ich vor Jahren im lokalen Schwimmbad aufgenommen habe:

Ich sehe vor meinem belustigten geistigen Auge, wie das Schild entstanden ist:
- Jemand wollte in bester Absicht gendergerecht schreiben oder hatte den klaren Auftrag, dies zu tun,
- empfand die möglichen Textvarianten als zu lang fürs Schild („Nichtschwimmerinnen und Nichtschwimmer“ oder „Nichtschwimmer/innen“) und
- wählte schliesslich als kürzeste – und schlechteste – Variante das substantivierte Präsenspartizip im Plural („Nichtschwimmende“).
Schlecht deshalb, weil das Wort „Nichtschwimmende“ nicht etwa Menschen bezeichnet, die nicht schwimmen können, sondern Menschen, die gerade nicht am Schwimmen sind. Das ist ein Unterschied!
Korrekt wäre das Schild bestenfalls dann, wenn der Pfeil nach links in Richtung Liegewiese zeigt statt zum Nichtschwimmerbecken – äh, Nichtschwimmendenbecken. (1)
Die Stammgastin, die Stammgastierende, die Stammgast
Während sich über den Einsatz von substantivierten Partizipien durchaus streiten lässt, gehen andere Absurditäten deutlich zu weit.
Anita, ein sprachaffines Mitglied der „Worte wirken Wunder“-Community, hat mich kürzlich auf eine solche aufmerksam gemacht. Sie schrieb in einem Kommentar:
„Ich habe auf Instagram vorhin den Satz gelesen: ‚Das Bild wurde von unserer ‚Stammgastin‘ aufgenommen.“ (…) Danach habe ich Tante Google befragt: „Stammgast weiblich“ … Was soll ich sagen? Google meint: ‚Man kann ‚die Stammgastierende‘ verwenden (geschlechtsneutral) oder einfach ‚die Stammgast‘, obwohl das Wort maskulin ist, mit weiblichem Artikel.“
Da bleibt mir, mit Verlaub, die vielzitierte Spucke weg.
Sie reicht gerade noch aus um anzumerken, dass es unveränderlich „der Gast“ heisst: Das GENUS – das grammatische Geschlecht – dieses Wortes ist und bleibt männlich. Unabhängig davon, ob der SEXUS – das biologische Geschlecht – des Gastes weiblich oder männlich ist. (2)
Was ist eine „männlich geprägte“ Formulierung?
Eine beliebte Möglichkeit, die weibliche statt einer männlichen Form zu verwenden, ist der Gebrauch des Wortes „Person“.
„Die Person“ ist ein so genanntes Epikoinon – „ein Nomen, das auf Lebewesen referiert und ohne Genuswechsel für jedes Geschlecht verwendet werden kann“ (Wikipedia). Die Person erlaubt es also, von „sie“ oder „ihr“ zu sprechen – egal, ob mit der Person ein Mann oder eine Frau gemeint ist.
Stellvertretend für weitere Erläuterungen gebe ich dazu hier meinen E-Mail-Austausch mit C. wieder. C. schrieb mir:
(…) Danke für deine Mails und dass du dich mit Sprache und deren Gestaltung auseinandersetzt! Gerne teile ich dir einen Aspekt mit, der mir sehr wichtig ist: Obwohl bei sprachlichen Ausdrücken immer häufiger explizit beide Geschlechter einbezogen werden oder Sprache geschlechtsneutral gestaltet wird, stosse ich immer wieder auf „männlich geprägte“ Formulierungen. Oftmals bei unhinterfragten Redewendungen und Sprichwörtern, bei der Verallgemeinerung „man“ (dazu ist mir leider noch keine brauchbare Alternative eingefallen…) oder in der Einleitung auf deiner Homepage:
„…dann bist du sehr wahrscheinlich ein Mensch, dem Sprache wichtig ist und der seine Kommunikation stets zu verbessern sucht.“
Mir würde besser gefallen: „…dann bist du sehr wahrscheinlich eine Person, der Sprache wichtig ist und die ihre Kommunikation stets zu verbessern sucht.“
Da würde ich mich viel mehr angesprochen fühlen! (…)
Der Unterschied zwischen einer Person und einem Mensch
Dies ist die Antwort, die ich C. gegeben habe:
(…) Ich verstehe diesen Aspekt, der dir so wichtig ist. In meiner beruflichen Laufbahn als Texterin für PR-Agenturen und Unternehmen habe ich stets darauf geachtet, „Person“ statt „Mensch“ zu schreiben und fand es wunderbar, dass ich mit diesem Ausdruck beide Geschlechter ansprechen und dennoch eine weibliche Formulierung brauchen konnte. In dieser Zeit empfand ich es auch als wichtig, durch Formulierungen wie „Teilnehmerinnen und Teilnehmer“ explizit beide Geschlechter anzusprechen.
Letzteres tue ich heute noch, wobei das Gendern für mich mittlerweile ad absurdum getrieben wird mit Neukreationen, die keinen Sinn mehr ergeben. (…) Ersteres hingegen – die Verwendung von „Person“ statt „Mensch“ – habe ich bewusst abgelegt:
Ich habe in den vergangenen fünf Jahren viel erkannt und unter anderem den Unterschied zwischen einer „Person“ und einem „Menschen“ gelernt. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, dass wir alle als Menschen geboren werden und Menschen sind – bis wir durch eine Geburtsurkunde oder einen „Personalausweis“ eben zur Person gemacht und zu Dienern des Staates gemacht werden. Der Begriff „Person“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Maske“: Als Person spielen wir wie ein Schauspieler (oder eine Schauspielerin) unsere Rolle, erfüllen die vom Staat geforderten Pflichten, arbeiten als Bedienstete.
Der Mensch geht dabei verloren. Es ist nicht erwünscht, wenn wir uns als freie Menschen verstehen. Ich jedoch tue das – sehr bewusst auch in meinen Formulierungen. Du wirst daher keine „Person“ mehr in meinen Texten lesen. Das ist für mich nicht „männlich geprägt“, wie du schreibst – es ist menschlich.
Daher werden wir uns hier wahrscheinlich nicht einig werden. Wichtig ist wohl einfach, dass wir beide uns bewusst mit der Sprache und ihrer Wirkung auseinandersetzen, was ich wunderbar finde – auch, wenn uns dabei wohl verschiedene Weltanschauungen zugrunde liegen. (…)
Anmerkung am Rande: Genau wie „die Person“ ist auch „der Mensch“ ein Epikoinon.
Wo etwas „politisch korrekt“ ist, gibt es eine Agenda
Bleibt für mich die Frage: Weshalb wird diese Diskussion so emotional geführt?
Weshalb gibt es eine Trennung zwischen Menschen, die auf die Gendersprache pochen und dafür grammatikalische Regeln sehr weit zu dehnen bereit sind, und solchen, die einem übertriebenen Genderwahn nicht folgen mögen und daher absichtlich nur mehr die männliche Form verwenden?
Nun, überall, wo
- etwas zur „political correctness“ erhoben,
- herkömmliche Schreibweisen (Worte, Meinungen, Haltungen) zum Tabu erklärt oder
- als „unsolidarisch“ (in diesem Fall mit Frauen) deklariert werden und folglich
- eine Trennung zwischen zwei „Lagern“ mit gegenseitigen Anfeindungen entsteht,
ist immer eine verborgene Agenda am Werk.
Unterstützt wird diese Vermutung durch die Tatsache, dass mit „Gendern“ ein englischsprachiger, international geläufiger Begriff für die Anwendung einer „gendergerechten Sprache“ – auch das ein vergleichbar neues Konzept – eingeführt wurde. Ich erkenne darin die Handschrift von internationalen PR-Agenturen, Think Tanks oder Meinungsbildungsfabriken wie dem Tavistock Institute.
Ziel der „gendergerechten Sprache“ ist in meinen Augen weniger das konsequente Ansprechen von Männern und Frauen, als vielmehr die schleichende Verwässerung der Geschlechter. Dies dient der Vorbereitung auf eine „geschlechtsneutrale“ Welt – ein Begriff, den Google (siehe oben) alles andere als zufällig verwendet. Von der geschlechtsneutralen zur technokratischen Welt, in der Menschen zu (geschlechtsneutralen) Robotern werden, ist der Schritt nicht mehr weit.
Ich habe diese Entwicklung im Januar 2023 im Blog „Bleibt der Mensch ein Mensch?“ beschrieben und mit vielen Beispielen untermauert.
Was also ist richtig?
Die Frage „Was ist richtig?“ lässt sich meines Erachtens nicht beantworten. Letztlich ist jeder Mensch und jedes Unternehmen aufgerufen, jene Formulierung zu wählen, die dem eigenen Selbstverständnis entspricht. Ich plädiere einzig dafür, der Diskussion und der entsprechenden Umsetzung das zurückzugeben, was ihr abhanden gekommen ist: den gesunden Menschenverstand oder einfach ein natürliches Sprachempfinden jenseits von Dogmen und Programmen.
Dies ist meine Herangehensweise:
- Ich halte es für angebracht, in der Kommunikation sowohl Männer als auch Frauen anzusprechen und dies in der Sprache abzubilden. Das gilt auch, wenn der Text einleitend über den gut gemeinten Hinweis verfügt, in der männlichen Form seien Frauen mit eingeschlossen.
- Die gewählten Formulierungen dürfen a) grammatikalisch korrekt sein und b) den Lesefluss gewährleisten. Letzteres hält mich davon ab, neue Formen wie Leser:innen, Schüler*innen oder Teilnehmer_innen zu verwenden. Ich bevorzuge die herkömmliche Schreibweisen „Teilnehmerinnen und Teilnehmer“ oder meinetwegen auch TeilnehmerInnen. Doch das ist Geschmacksache.
- Welche Variante du auch wählst: Hauptsache, sie wird konsistent verwendet. Unternehmen sind gut beraten, einen internen Konsens zu finden und diesen im Sinne einer einheitlichen Corporate Language durchgehend anzuwenden.
Es ist jedem einzelnen (übrigens ein generisches Maskulinum) überlassen, Kreativität walten zu lassen und den Text auch bei der Erwähnung beider Geschlechter so abwechslungsreich zu gestalten, dass dieser flüssig und leicht lesbar bleibt. Die wundervolle deutsche Sprache bietet genügend Möglichkeiten, um variantenreich mit dieser Herausforderung umzugehen.
Anmerkungen:
(1) Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. den Gebrauch des substantivierten Partizips I auch dann für richtig hält, wenn eine Tätigkeit nicht ununterbrochen stattfindet – in diesem Artikel am Beispiel der „Studierenden“ erläutert. Meines Erachtens ist das eine Gratwanderung und daher immer wieder einzeln zu prüfen, ob eine solche Schreibweise angebracht ist – oder eben nicht, wie dies bei den „Nichtschwimmenden“ in meinen Augen der Fall ist.
(2) Selbst dieser Fakt wird in Frage gestellt. Im Wikipedia-Beitrag zum Generischen Femininum steht geschrieben: „Vergleichbar zu der Mensch oder das Mitglied werden von geschlechtsneutralen Bezeichnungen im Allgemeinen keine Ableitungen mit der weiblichen Endung -in gebildet. Trotzdem werden die inhärent generischen Maskulina Gast und Vorstand bisweilen moviert (Gästin, Vorständin), und auch Kätzin ist eine selten gebrauchte, aber korrekte Bezeichnung der weiblichen Katze.“

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